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Wasserspeicher als Spielraum

Reservoir X feiert Fußball, Kunst und Architektur in den Gewölben an der Belforter Straße

Von Volkmar Draeger

Der Auftakt war ein Abschied. Seit zehn Sommern veranstaltet der Verein Förderband im Wasserspeicher am Prenzlauer Berg die Ausstellung Reservoir, die bildenden Künstlern ein reizvolles Gemäuer zur kreativen Anverwandlung übergibt. Fast 120 Künstler haben sich dieser Aufgabe gestellt. Wenn Förderband die Stafette des Ausrichters nun weiterreicht, hat der Verein eine technische Brache in ein lebendiges Kulturzentrum transformiert. Für Reservoir X, die Jubiläumsausgabe, brachte Kuratorin Barbara Rüth mehrere Themen zusammen: Fußball als aktuelles Ereignis, die dominante Architektur des Industriedenkmals, bildende Kunst als Bindeglied und in ihrer Reaktion auf sportliche wie bauliche Vorgabe. Zwölf Künstler aus fünf Ländern entwarfen unter dem Motto »Spielräume – Raumspiele« elf Installationen für den Kammergang und die vier konzentrischen Ringe des Großen Wasserspeichers an der Belforter Straße. Fußballhistorie gestaltet Angesom-Phil Tesfai aus Eritrea. In elf Kammern präsentiert er so hintersinnig wie begeistert verfremdete Reliquien ritueller Heldenverehrung und religiösen Zeremoniells: Sonnen-Ball, Fahne, Anzeigetafel, Fotofries von Stadien als Orten heiliger Inbrunst. Auch Christian Stanickis vielteilig verwinkeltes, durchwanderbares Gehäuse aus Holzlatten, Alublech und Gardinenstoff errichtet dem Fußball einen witzigen Altar. Auf Tribünen feiern Hunderte knallbunter Comicfiguren aus Papier den Torschuss. Tina Zimmermann projiziert Berlins Stadtplan auf die Gewölbefläche, lässt weiße Halbkugeln darin herumflitzen und den Betrachter durch einen Straßen-Tunnel defilieren. Anja Kempe platziert eine amüsante Zierbrücke zwischen den Wänden, ohne Ein- und Ausgang, Detlef Mallwitz formt aus einer Folge von Dias mit Rastern einen Ablauf, Lisa Marie Auer konfrontiert als Diorama eine gemalte Maskenpyramide mit einer liegenden Harlekinpuppe. Politische Aspekte bringt der Belgier Jozef Legrand ein: Zwei Stadionleuchten richten ihr Neon auf das Foto der zerbröselnden amerikanischen Radaranlage zur Ostüberwachung auf dem Teufelsberg. Aus 16 auf Ständern klickenden Waschmaschinen-Programmscheiben und Lichtsignalen entwickelt Erwin Stache eine originelle Spieluhr, mit aufgeklebten Farbfolien sowie Laufgeräuschen umspielt Angela Lubic doppeldeutig den Terminus Laufbahn.
Zwei zauberhafte Installationen zieren den Kammergang: das einem rostigen Rohr entspringende, über mehrere Abteile sich erstreckende Gespinst roter Fäden des Schweizer Duos Archiv, die theaterhaft illusionistische Raumerfahrung aus Leuchtfäden und Schwarzlicht der Südkoreanerin Jeongmoon Choi.

Bis 30.7., Di.-So. 14-19 Uhr, Wasserspeicher, Belforter Straße, Prenzlauer Berg,        Neues Deutschland 20. Juni 2006